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Wiatrek, Heinrich

* 1.7.1896, † 29.10.1945

Biographische Angaben aus dem Handbuch der Deutschen Kommunisten:


Geboren am 1. Juli 1896 in Gleiwitz, fünftes von zehn Kindern eines Eisenbahnbeamten; ungelernter Arbeiter, im Sommer 1913 freiwillig zur Kaiserlichen Marine. 1916 kam er zur U-Bootflotte, war Bootsmannsmaat und erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse. Von Dezember 1918 bis 1927 arbeitete Wiatrek im Eisenbahnausbesserungswerk Gleiwitz. Wegen eines Herzleidens, das er sich als Soldat zugezogen hatte, bekam er eine Rente. Politisch zunächst nicht aktiv, war allerdings als Mitglied des oberschlesischen Selbstschutzes und des »Verbandes heimattreuer Oberschlesier« an den Abstimmungskämpfen (Anschluß Oberschlesiens an Polen oder Deutschland) beteiligt. Im November 1922 trat er in die KPD ein, ab 1927 Stadtverordneter und Mitglied des Stadtrats Gleiwitz, dann Gauleiter des RFB in Oberschlesien. Im Herbst 1929 in den oberschlesischen Provinziallandtag gewählt und in die BL Oberschlesien kooptiert. Während der innerparteilichen Auseinandersetzungen soll er laut Herbert Wehner bei den Versöhnlern gestanden haben.
Als Kassierer gehörte er bis 1932 dem Sekretariat der BL Oberschlesien an, zeitweise Org- bzw. Agitpropleiter. Wegen persönlicher Differenzen mit Polleiter Paul Wojtkowski vom Polbüro aus Gleiwitz abgezogen; von November 1932 bis Oktober 1934 (Parteiname Heinrich Kirsch) Kursant der Internationalen Leninschule in Moskau. Er kam Ende November 1934 nach Düsseldorf, dort Orgleiter, dann Polleiter (Deckname Stefan). Wiatrek nahm 1935 in Moskau als Delegierter Fritz Weber am VII. Weltkongreß sowie der »Brüsseler Konferenz« teil und wurde zum Kandidaten des ZK gewählt. Ab Januar 1936 als Nachfolger des abgelösten Fritz Schulte deutscher Vertreter bei der Komintern. Gegenüber der Gestapo erklärte Wiatrek später, daß er dieser Funktion nicht gewachsen war. Sein ungenügender Rückhalt bei den in Moskau weilenden KPD-Spitzenfunktionären habe dazu geführt, daß er während der Prozesse 1936/37 sogar als Trotzkist verdächtigt wurde. Wiatrek wurde der Funktion entbunden und als Leiter der KPD-AL Nord nach Kopenhagen geschickt. Unter seiner und Konrad Blenkles Leitung sollte sich die Arbeit auf die wichtigsten Hafenstädte in Deutschland konzentrieren. Nach Ausbruch des Krieges 1939 blieb Wiatrek in Kopenhagen, wo die AL Nord wegen der durch den Hitler-Stalin-Pakt entstandenen Irritationen vorläufig ihre Tätigkeit einstellte. Mitte Januar 1940 fuhren Wiatrek und Blenkle nach Stockholm zu Karl Mewis, der aus Moskau neue Weisungen mitgebracht hatte. Danach war in Kopenhagen eine Auslandsleitung aus Mewis, Wiatrek und Wehner zu bilden, was nicht realisiert wurde.
Im Frühjahr 1940 sollte er zur Verstärkung der illegalen Arbeit nach Hamburg gehen, blieb aber in Kopenhagen. Dort wurde Wiatrek am 19. Mai 1941 verhaftet und an die Gestapo in Hamburg überstellt. Nach einigen Wochen machte er ausführliche Aussagen, aufgrund derer die Gestapo umfangreiche Verhaftungen vornehmen konnte. Am 17. Mai 1943 wurde Wiatrek vom 1. Senat des VGH in Berlin zum Tode verurteilt, die Vollstreckung auf Intervention höchster Gestapostellen mehrmals aufgeschoben und er aus der Todeszelle in Plötzensee sogar wieder nach Hamburg überführt. Kurz vor dem Einmarsch der britischen Armee Ende April 1945 wurde Wiatrek freigelassen und tauchte in Hamburg unter. Aus Furcht, daß einstige Mitgenossen in ihm einen Verräter sahen und »abrechnen« wollten, flüchtete er im Sommer 1945 nach Reichenbach im Vogtland, wo sein jüngerer Bruder Fritz zu den führenden KPD-Funktionären zählte. Fritz Wiatrek (* 24. 10. 1910 – † 25. 5. 1982), der selbst aktiver KJVD- bzw. KPD-Funktionär in Oberschlesien war, nach 1933 illegal arbeitete und mehrmals inhaftiert wurde, engagierte sich ab Juni 1945 als Sekretär des FDGB in Reichenbach. Für seinen schwerkranken, an Tbc leidenden Bruder besorgte er einen Platz in der Lungenheilstätte Bad Reiboldsgrün. Dort starb Heinrich Wiatrek kurz nach der Einlieferung am 29. Oktober 1945.

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