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Dorn, Erna

geb. Scheffler alias Kaminski alias Brüser, gesch. Gewald
* 28.8.1913, † 1.10.1953
Opfer politischer Strafjustiz im Kontext des 17. Juni 1953

Biographische Angaben aus dem Handbuch „Wer war wer in der DDR?“:


Geb. 28.8.1913 (o. 17.7.1911) in Königsberg oder Tilsit (Ostpr./Kaliningrad oder Sowjetsk, Rußland); bis 1933 angebl. Sekr. im Polizeipräs. Königsberg, nach erster eigener Aussage ab 1940 Häftling in versch. KZ, gemäß späterer Aussage ab 1934 im unteren Polizeidienst u. 1941 auf eigenen Wunsch als Aufseherin nach Ravensbrück versetzt; nach eigenen Angaben 1934 – 45 NSDAP (kein Nachweis).
1945 nach Halle, bis 1949 ohne Arbeit; Dez. 1945 Heirat mit Max Gewald (OdF); 1945/46 KPD/SED, 1949 Ausschluß aus der SED; 26.1.1949 Verurteilung zu 11 Monaten Gefängnis wegen krimineller Delikte; Okt. 1949 Scheidung; Ende 1950 Entlassung, Jan. 1951 erneute Verhaftung wegen krimineller Delikte, Aug. 1951 Verurteilung zu 18 Monaten Zuchthaus; im März 1951 gibt »D.« als Geburtsname nicht mehr Scheffler, sondern Kaminski mit anderem Geburtsdatum u. -ort an, um ihre angebl. frühere Tätigkeit bei der Polizei in Königsberg zu verschleiern; Nov. 1951 vorzeitige Haftentlassung (allg. Präsidentenerlaß); 28.11.1951 erneute Festnahme wegen der vermeintl. Tätigkeit als Aufseherin im KZ Ravensbrück, nach Aussage vom 5.12.1951 seit 1938 angebl. verh. mit Erich D., SS-Unterscharführer im KZ Ravensbrück, erstmalige Selbstbezeichnung als »Erna D.«, die Untersuchungsergebnisse des MfS bleiben widersprüchl., da sich glaubwürdige Zeuginnen aus Ravensbrück an »D.« nicht entsinnen können; 21.5.1953 Verurteilung zu 15 Jahren Zuchthaus durch das BG Halle; 17.6.1953 Befreiung nach Erstürmung der U-Haftanstalt II Halle durch aufständ. Demonstranten, 18.6.1953 erneute Festnahme; 22.6.1953 vom BG Halle zum Tode verurteilt, 8.9.1953 Bestätigung des Urteils durch das SED-PB, 1.10.1953 Hinrichtung durch Enthauptung in Dresden.
»D.« war die einzige Frau, die in der DDR im Kontext des 17. Juni hingerichtet wurde. Ihre Identität u. Biogr. sind bis heute ungeklärt, da alle biograph. Angaben auf widersprüchl. Selbstaussagen beruhen, die bisher nicht geklärt werden konnten. Es handelte sich offenbar um eine geistig verwirrte Frau. In der SED-Propaganda über den 17. Juni 1953 fungierte »D.« als eine zentrale Figur, die den angebl. faschist. Charakter der Volkserhebung belegen würde; »D.« wurde hier auch als »Gertrud Rabestein« bezeichnet, die am 31.8.1948 zu lebenslängl. Haft verurteilt wurde u. 1974 im Gefängnis Hoheneck starb. Stephan Hermlin hat »D.« auf der Grundlage von Gerichtsakten als »Die Kommandeuse« verewigt, sich aber auch nach 1990 nicht vom propagand. Gehalt seiner Novelle distanziert.

Sek.-Lit.: Ebert, J., Eschebach, I.: »Die Kommandeuse«: E. D. Berlin 1994; Gursky, A.: »E. D.«, zum Tode verurteilt am 22. Juni in Halle/S. Magdeburg 1996; Löhn, H.-P.: Spitzbart, Bauch u. Brille – sind nicht des Volkes Wille! Bremen 2003; Werkentin, F.: Polit. Strafjustiz in der Ära Ulbricht. Berlin 1995.
ISK

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