Zeitzeugen

Zeitzeugen des Prager Frühlings

Der Prager Frühling und seine Niederschlagung waren für viele DDR-Bürger Anlass und Bestätigung, gegen die SED-Diktatur zu protestieren. Einige bekundeten ihren Protest öffentlich, andere engagierten sich fortan in Friedens- und Oppositionsgruppen. Journalisten, die als Korrespondenten in Osteuropa tätig waren, erlebten den Aufstand hautnah mit. Fluchthelfer waren bei ihren Fluchtprojekten über die Tschechoslowakei nach Österreich von den Folgen des Aufstands betroffen. Über das Zeitzeugenbüro können Personen kontaktiert werden, die von ihren Erlebnissen des Prager Frühlings und dessen Folgen berichten können. Über ihre Profile können sie direktfür Veranstaltungen eingeladen werden.

Zeitzeugeninterviews zum Jahr 1968

Im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat die Film- und Fernsehproduktion Hoferichter & Jacobs Zeitzeugen zu ihren Erlebnissen des Jahres 1968 und dessen Folgen interviewt. Die folgenden Clips sind Ausschnitte aus den Gesprächen, die in voller Länge im Stiftungsarchiv eingesehen werden können.


Hans-Jochen Scheidler wollte nach seinem Physikstudium an der Akademie der Wissenschaften der DDR eigentlich in Prag arbeiten. Als er nach dem Einmarsch in die ČSSR mit Freunden öffentlich protesierte, wurde der damals 25-Jährige verhaftet. Wegen „staatsfeindlicher Hetze“ wurde Scheidler zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Nach seiner frühzeitigen Entlassung blieb ihm die angestrebte Karierre als Physiker verwehrt.



Beeinflusst durch die westeuropäischen antiautoritären Studentenproteste und den Prager Frühling engagierte sich Gerd Poppe in der DDR-Opposition. Als er in der tschechoslowakischen Botschaft in Berlin eine Protesterklärung gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die ČSSR unterzeichnete, legte die Stasi „Operative Vorgänge“ an und verfolgte ihn mit langjährigen Zersetzungsmaßnahmen, Zuführungen und Ordnungsstrafen.



Für Hans-Christian Ströbele war der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 Anlass, sich als Jurist in der West-Berliner APO zu engagieren. Der spätere Politiker von Bündnis90/Die Grünen übernahm etwa die Verteidigung von Andreas Baader und anderen RAF-Angehörigen. Als politischer Aktivist reiste er 1968 auch nach Prag und erlebte die revolutionäre Aufbruchstimmung in der ČSSR.



Im August 1968 organisierte der damals 18-Jährige Hans-Joachim Schiemenz gemeinsam mit zwei Freunden aus Lübbenau eine Demonstration gegen den Einmarsch der Staaten des Warschauer Pakts in die ČSSR. Noch während der Demonstration wurde er als einer der „Rädelsführer“ verhaftet und wegen „Zusammenrottung“ und „Staatsverleumdung“ zu anderthalb Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde später auf Bewährung ausgesetzt. In der Konsquenz blieb ihm das Fachschuldstudium verwehrt, stattdessen musste er „zur Bewährung in die Produktion“.



Für drei Jahre sollte der später Sänger der DDR-Band City Toni Krahl ins Gefängnis, weil er mit anderen vor der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin schweigend gegen den Einmarsch in die ČSSR protestiert hatte. Nach drei
Monaten wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt, für den damals 19-jährigen war die Haft dennoch eine schwere Prüfung. Für seine Solidarität wurde Toni Krahl 2008 vom tschechischen Premierminister Mirek Topolánek mit dem Karel-Kramar-Orden geehrt.



"Jimi Hendrix war wichtiger als Rudi Dutschke": Florian Havemann wurde 1968 verhaftet, als er in Ost-Berlin gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestierte. Der Sohn Robert Havemanns diskutierte als damals 16-jähriger „Ost-68er“ über Ziele und Probleme in Politik, Kunst, Kultur und Gesellschaft. Die Protestierenden wurden wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt und die Strafe bei den meisten auf Bewährung ausgesetzt. Nur Florian Havemann wurde in das Jugendgefängnis Luckau gebracht. 1971 floh Florian Havemann in den Westen.



Im Sommer 1968 recherchierte die West-Berliner Studentin Sibylle Plogstedt in Prag für eine Seminararbeit. Schnell ließ sie sich von der revolutionären Stimmung in der tschechoslowakischen Hauptstadt anstecken, bis zur ihrer Verhaftung im Dezember 1969 beteiligt sie sich am friedlichen Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer. Nach zweijähriger politischer Haft in Prag wurde Sybille Polgstedt aus der CSSR ausgewiesen.



Volker Rennert wurde 1951 im ostdeutschen Lübbenau geboren. Drei Tage nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts in die CSSR organisierte der 17-Jährige mit zwei Freunden in seiner Heimatstadt eine Diskussionsrunde, die sich zu einer Demonstration entwickelte. Er wurde verhaftet und wegen „Zusammenrottung“ und „Staatsverleumdung“ zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten verurteilt. Obwohl dieseeinige Monate später zur Bewährung ausgesetzt wurde, hatte Rennert weiterhin mit Repressalien und Bespitzelungen durch die Stasi zu kämpfen.



Als 18-Jähriger war Werner Schulz von der gewaltsamen Niederschlagung des Aufstandes in der CSSR erschüttert. Dennoch ließ er sich zur Unterschrift einer Erklärung drängen, die den Einmarsch des Warschauer Pakts begrüßte. Selbstvorwürfe und Empörung über das Ersticken der tschechoslowakischen Bewegung für mehr Freiheit und Demokratie führten den späteren bündnisgrünen Bundestagsabgeordneten in die Opposition gegen die SED-Diktatur.