Mann auf jüdischem Friedhof in Berlin 1988.
Gläubiger auf einem jüdischen Friedhof in Berlin, 1988. Foto: Klaus Mehner.

Offiziell war die DDR ein antifaschistischer Staat – und daher könne es dort auch keinen Antisemitismus gegeben haben. So jedenfalls argumentierten zwei der fleißigsten Apologeten der SED-Diktatur nach 1990 in zahlreichen Publikationen; beide hatten im Zuge der Wiedervereinigung ihre Professuren verloren. Der Jurist Detlef Joseph behauptete in einem Buch mit dem Titel „Die DDR und die Juden“ 2010, bei der Kritik am Antisemitismus in der DDR gehe es um deren „Delegitimierung.[1] Der Historiker Kurt Pätzold wiederum schrieb bis zu seinem Tode 2016 unverdrossen gegen die „Mär vom Antisemitismus“ an.

Selbst Pätzold musste jedoch einräumen, dass es in der DDR „Verletzungen des Prinzips der Achtung vor den Opfern des Faschismus“ gegeben habe, die aus „Unwissenheit, Gedankenlosigkeit, Kleingeisterei erwuchsen“. Doch für Judenfeindschaft hielt er derlei nicht: „Die aber kann samt und sonders dem Antisemitismus nur zuordnen, wer bösen Willens ist.“ [2] In Wirklichkeit war Antisemitismus nach 1945 zwischen Elbe und Oder mindestens ebenso präsent wie in der offenen Gesellschaft der Bundesrepublik.

Judenfeindschaft in der DDR hatte verschiedene Facetten: Erstens gab es Antisemitismus in den Staatsorganen; zweitens die Verdrängung jüdischer NS-Opfer aus der öffentlichen Erinnerung; drittens die Unterstützung antisemitischer palästinensischer Terroristen durch die Staatssicherheit; viertens den Antisemitismus „von unten". Für alle vier Facetten gibt es zahlreiche Beispiele.

Zum staatlichen Antisemitismus gehörte, dass 1950 Paul Merker, ein Mitglied des SED-Politbüros, abgesetzt wurde, weil er sich für das Existenzrecht Israels eingesetzt hatte; später wurde er als „Judenknecht“ zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. [3] Auffallend viele jüdische SED-Funktionäre verloren 1952 ihre Ämter. Anfang 1953 flüchteten mehr als 500 jüdische DDR-Bürger vor dem Druck der Stasi nach West-Berlin; unter ihnen waren die Gemeindevorsitzenden aus Erfurt, Dresden, Leipzig und Halle mit ihren Familien. [4]

Angemessene Erinnerung gehört neben Zahlungen an Hinterbliebene zu dem wenigen, was ein Staat für Ermordete noch tun kann. In den „Nationalen Mahn- und Gedenkstätten“ der DDR blieb jedoch der Massenmord an den Juden in den KZs bis 1990 ein Randthema. Jüdische Opfer wurden mit ganz wenigen Ausnahmen nicht als Opfer des Rassenwahns benannt, sondern als Polen, Franzosen oder anders deklariert. [5] Ferner zahlte die DDR nicht nur selbst keine Entschädigungen, sondern griff sogar Zahlungen der Bundesrepublik an: Am 22. Dezember 1956 forderte der damalige DDR-Außenminister Lothar Bolz die Regierung Adenauer allen Ernstes auf, „Wiedergutmachung“ nicht an Israel zu leisten, sondern an Ägypten. [6]

Schlimmer noch: Als 1971 im brandenburgischen Jamlitz ein Massengrab mit den Leichen von 577 vorwiegend jüdischen KZ-Gefangenen entdeckt wurde, wurden diese sterblichen Überreste entgegen jüdischem Ritus eingeäschert. Zuvor hatte die Stasi noch 1080 Gramm Zahngold aus den Kiefern dieser Toten gebrochen; es verschwand 1975 im Apparat des SED-Geheimdienstes spurlos. [7]

Auch unterstützten die SED offen und die Stasi konspirativ antisemitische Terrorgruppen. Zum Beispiel erhielt die PLO 1973 laut Akten 2000 Maschinenpistolen, 500 Sprengsätze und zehn Scharfschützengewehre. [8] Der Palästinenser Abu Daud, Drahtzieher des Attentats auf die israelische Olympiamannschaft in München 1972, konnte jahrelang immer wieder in Ost-Berlin abtauchen. [9]

Zu all dem gab es in der DDR zeit ihrer Existenz auch „alltäglichen“ Judenhass, den Antisemitismus „von unten“. Er drückte sich zum Beispiel in weit mehr als hundert Friedhofsschändungen aus, die meist vertuscht wurden, bei denen Täter angeblich „unbekannt“ blieben oder „nicht strafmündig“ gewesen seien. [10] Ferner kam es zu unzähligen antisemitischen Schmierereien – allein im Jahr 1960 registrierte das DDR-Innenministerium etwa 600 solche Fälle. [11] Aufgeklärt wurde davon so gut wie nichts.

Am 12. April 1990 verabschiedete die einzige frei gewählte Volkskammer der DDR eine Erklärung, in der es hieß: „Wir bitten die Juden in aller Welt um Verzeihung, wir bitten das Volk in Israel um Verzeihung für Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik gegenüber dem Staat Israel und für die Verfolgung und Entwürdigung jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Lande."[12]

 

[1] Detlef Joseph: Die DDR und die Juden. Eine kritische Untersuchung. Berlin 2010, S. 6f.

[2] Kurt Pätzold: Aufklärung – Juden in der DDR, in: Neues Deutschland v. 17. März 2010.

[4] Vgl. Michael Brenner: 1953 – Flucht aus der DDR, in: Jüdische Allgemeine v. 3. Dezember 2012.

[5] Vgl. Klaus Schroeder: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR. München 2009, S. 552.

[6] Bolz‘ Erklärung ist abgedruckt in: Angelika / Wolfgang Bator (Hrsg.): Die DDR und die arabischen Staaten. Dokumente 1956–1982. Berlin (Ost) 1984, S. 62.

[7] thm: KZ-Opfer – Stasi raubte Zahngold, in: Der Tagesspiegel v. 1. Oktober 2001 u. Frank Pergande: Die ganze Wahrheit, in: Frankfurter Allgemeine v. 11. Dezember 2001.

[8] SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/1456, Protokoll der Sitzung des Politbüros des ZK der SED, 03. 07. 1973, Bl. 53; s. auch Lutz Maeke: DDR und PLO. Die Palästinapolitik des SED-Staates. Berlin – München 2017.

[9] BStU MfS HA XXII, 27355, Bl. 21–23 u. 27077, Bl. 56.

[10] Vgl. Monika Schmidt: Übergriffe auf verwaiste jüdische Gräber. Friedhofsschändungen in der SBZ und der DDR. Berlin 2016, S. 199–305.

[11] Harry Waibel: Die braune Saat. Antisemitismus und Neonazismus in der DDR. Stuttgart 2017, S. 114.

[12] https://www.ddr89.de/vk/vk_Erklaerung.html.

 

Dieser Artikel stellt die Meinung des Autors dar und spiegelt nicht grundsätzlich die Meinung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

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